Grüber Dadord „Die Erln am Ääla“ (Mundartkrimi)

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Dem Tatort im Ersten folgte der Frankentatort und nun der 1. Grüber Dadord.

„Die Erlen im Ääla“

Eine Erzählung von Klaus Kempf nach einer wahren Begebenheit im Sommer 1947.

Ein sechsteiliger Krimi mit Dialogen in Grüber Mundart, die Namen sind nicht frei erfunden.

Teil  1: „Die Neida“

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Die Hauptperson dieser Episode „die Neida“,                                            Der Ort des Geschehens:                                                      Bilder größer!

die anderen Personen gehören nicht zur Geschichte.                               Grub am Forst, Coburger Straße                                          Klick ins Bild!

Klingeling klingelong – die Türglocke an der Holztüre zum Krämerladen klingt noch einige Sekunden nach.

„Guddn Marchn!“

Die große, schlanke Frau im grauen Kostüm am Fenster dreht sich nur kurz um und nickt mir zu. Dann wendet sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Fenster zu, aus dem man den Blick über das „Ääla“ mit dem baumbestandenen Füllbachlauf genießen kann. Ihre schlohweißen Haare trägt sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Knoten zusammen gebunden. Sie ist die Besitzerin des Dorfladens, „Neida“ genannt. Eigentlich ist das nicht ihr richtiger Name, denn sie heißt mit Nachnamen Hein, nach ihrem zweiten Mann, der aber schon seit einigen Jahren auf dem Friedhof liegt. Die Grüber nennen sie aber nur „Frau Hein“, wenn sie die ältere Dame direkt ansprechen. Per du ist ohnehin niemand mit ihr. „Die is wos Bessersch,“ meinen die Alteingesessenen und halten meist respektvoll Abstand.

Hinter ihrem Rücken jedoch muss die Respektsperson allerdings einigen Spott über sich ergehen lassen. Die lieben Mitbürger, insbesondere die Obst-und Gartenbauern, zerreißen sich die Mäuler über „dös Gschdrübb“ auf ihrem Grundstück hinter ihrem Haus im Weingarten. Dabei will sie als Naturliebhaberin und begeisterte Ornithologin nur ihren gefiederten Freunden optimale Lebensbedingungen erhalten.

Über ihr „Luftbad“, einen Bretterverschlag am sonnigen Südhang gegenüber dem Augustafelsen, gibt es auch so manche Tuschelei. „Dou lichd sa fai naggerd drin“, empört sich so mancher selbsternannte Moralapostel und würde dabei doch selbst einmal gerne durch ein Astloch in die Kabine linsen.

Dass sie im Sommer allmorgendlich, ob die Sonne scheint oder Regen fällt, im Bademantel und barfuß von ihrem Wohnhaus die paar hundert Meter bis zum Grüber Freibad läuft und dort nahezu bei jeder Wassertemperatur ihre Runden dreht finden auch einige ziemlich schrullig, andere meinen aber auch: „Ölln Reschbäggd!“

„Ich fohr jedz mol wie die Neida,“ spotten Kinder manchmal und setzen sich dann kerzengerade aufs Fahrrad. Sie übertreiben dabei den Fahrstil der alten Dame, wie sie aufrecht auf ihrem Rad mit „Gesundheitslenker“ sitzt.

„Ouä jedz hou ich mich a weng verblauderd, waacher daarer Neida“.

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In diesem Haus spielt die Geschichte.

Hier befand sich der Laden der Neida, später war es der Laden von den „Walters“ nach dem Abriss wurde dort das heutige Rathaus gebaut. Im Vordergrund gut zu sehen das Brückengeländer über den Füllbach. 

 

 

 

 

 

„Grüss dich, Kabbo!“

Das Mädchen hinter der Ladentheke vor den wohl hundert Schubfächern, die fast die ganze Wand hinter ihr bedecken, ist so ziemlich das Gegenteil ihrer Chefin. Recht mollig, mit einem runden Gesicht voller Sommersprossen und feuerroten Locken, die ihr ziemlich ungezähmt bis über die Schultern hängen.

„Kabbo“, das ist mein Spitzname. So nennen mich die TSVler, weil ich Spielführer der „Ersten“ bin. Die Hilde, so heißt die rothaarige Schönheit, weiß das natürlich, weil sie ab und zu beim Vereinswirt Rose als Bedienung aushilft. Ich merke, wie mein Gesicht etwas temperierter wird, als sie mich aus ihren blauen Augen anstrahlt.

“ Du wärsd widder dain Hahnakamm wölln,“ weiß sie schon Bescheid. Der mit Marmelade gefüllte Hahnenkamm, den der Laden vom „Saalesbegg“ geliefert bekommt, ist im ganzen Dorf berühmt und für mich oft eine willkommene Stärkung in meiner Frühstückspause.

Klingeling klingelong – die Ladentür wird schwungvoll aufgerissen und ein kleines Bürschchen in kurzen Hosen stürmt herein.

„Fä fünf Pfennich Feuerschdeela!“ platzt es aus ihm heraus kaum dass er den Laden betreten hat.

„Dös Grüüsn hodd daa anschainend noch ned gelarnd.“

„Hosd duu `s ouer ailich, Günder,“ schmunzelt ihn die Verkäuferin an und holt aus einem voluminösen Glas ein paar Bonbons heraus.

„Na Günther, du hast doch bestimmt heute wieder noch nichts Rechtes gegessen,“ mischt sich da plötzlich die „Neida“ ein.

Aus einer Käseglocke nimmt sie einen „Kühkaas“, wickelt ihn in etwas Packpapier und reicht ihn lächelnd dem Jungen über den Ladentisch.

„Danke, Frau Neida!“ strahlt das Kerlchen sie an, stopft sich die „Feuerschdeela“ in die Hosentasche und beißt herzhaft in den Käse.

„Er hat`s nicht leicht, so ohne Mutter,“ seufzt die Wohltäterin, schaut zur riesigen Wanduhr und wendet sich wieder zum Fenster.

Als das Bürschchen zur Tür hinaus rennen will prallt er beinahe gegen einen eintretenden Mann.

„Dä Ribbndrobb,“ schießt es mir durch den Kopf.

„Ribbndrobb“, so hat ihn mein Sportkamerad Adolf getauft, „weil mä saina Ribbn durchn Aazuch gsah ka“, meinte er. Und tatsächlich, fürchterlich dürr ist der Herr schon, der da in abgewetzem Anzug, mit schwarzer Krawatte und altmodischem Hut in der Tür steht. Doktor Bötticher, so heißt er richtig, kommt häufiger mit dem Zug aus Coburg nach Grub. Am Landratsamt ist er der zuständige Beamte für den Naturschutz. Die Grüber Bauern „könna na nedd gelaid“, weil er ihnen Anweisungen erteilen will, welche Bäume gefällt werden dürfen und welche unter Naturschutz stehen. Allerdings kümmern sich die wenigsten darum, wenn der „Ribbndrobb“ eine Baumfällung untersagt. Sie warten lediglich, bis er wieder in seinem Landratsamt sitzt.

„Schön, dass Sie es einrichten konnten!“

Die „Neida“ begrüßt den Ankömmling nahezu überschwänglich und strebt ihm mit ausgestreckter Hand entgegen.

„Das ist ja schließlich meine Aufgabe,“ schleimt der Dr. Bötticher und verbeugt sich nach alter Schule vor der Dame des Hauses. Die nimmt ihn denn auch gleich am Arm und zieht ihn zum Fenster.

„Da haben wir ja das Corpus delicti.“

„Daa blauderd genau su gschdalzd wie ä aussiehd,“ denk ich mir und bekomme es mit einem Blick auf die Uhr plötzlich eilig.

„Ou, mai Frühschdüggsbausn is ja rüm, dä Mäsder werd widdä bruäzln.“

Als ich den Laden eilig verlasse sind die beiden am Fenster schon ins Gespräch vertieft..

„Die Hilde guggd mä nouch, a weng lengä wie sünst – glääb ich.“

 

Teil  2: „Die Versammlung“

Der Saal der Vereinswirtschaft Rose ist bis auf den letzten Platz gefüllt.

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Nicht ganz ernst zu nehmendes Bild, Personen sind frei erfunden!

 

 

 

 

 

„Däss es überhaubds noch su vill Manner in Gruu gibd, nouch dan Schaisgriech,“ schießt es mir durch den Kopf.

„Nu ja, es senn aa edlicha Flüchdling däbai. Ganz hindn ham sa an ganzn Diisch zam gebrachd.“

Die Bedienung, es ist wieder einmal meine „Freundin“ Hilde, trägt gerade ein Tablett mit warmen Hausmachermettwurst-Semmeln zum Tisch der Neugrüber.

„Die schaina sa za müächn. Vällaichd hod dä Rose ja haid a exdra Zehla Knoublauch nai .“

Ich habe einen Platz auf der Bühne, am Tisch des Vorstands. Als Spielführer gehöre ich als Aktivenvertreter zur Vereinsführung. Neben mir haben mein Chef Walter, gleichzeitig Ehrenmitglied, erster Vorsitzender Albin, in Personalunion Bürgermeister, Schriftführer Karl, von Beruf Gemeindeangestellter sowie Kassierer Franz, Filialleiter bei der Baywa, Platz genommen.

„Wenn ölla wos za drinkn ham,“ ruft der Vorstand in das Stimmengewirr, „dou drink mä mo auf an harmonischn Välauf unnerer  Haubdversammlung.“

Die Bedienung beeilt sich, die letzten Ankömmlinge noch mit Bier zu versorgen, dann werden die Krüge gehoben und es ertönt ein hundertstimmiges „Brosd“.

Der Vorstand begrüßt namentlich das Ehrenmitglied, „unnern Walder“, den Pfarrer, den Apotheker, der eigentlich nur Vertreter für Kräutertees und Edelbrände ist, und den Platzwart Karl Heinz. Dieser sitzt an einem Tischchen am Eingang des Saals und achtet peinlichst genau darauf , dass sich Klogänger nicht doppelt in die ausliegende Anwesenheitsliste eintragen.

Anschließend wird das Protokoll verlesen. Der Gemeindediener alias Protokollant beginnt zu berichteten, wer beim letzten Mal namentlich begrüßt wurde – vom Ehrenmitglied bis zum Linienrichter, dass sein letztes Protokoll einstimmig genehmigt wurde, …

Ich schaue so lange ein wenig der Hilde zu, wie sie so mit etlichen „Kaddla“ auf dem Tablett durch die Bankreihen balanciert.

„Wenn sich die na bluäs haid nachd kenna Blousn geloffn hod,“ denke ich so bei mir..

Der Protokollvortrag ist mittlerweile bei Punkt fünfzehn angelangt: „Vorkommnisse beim letzten Jugendturnier“.

„Jedz werd s inderessand. Dou war ich aa däbai, als Bädreuer!“

Der Vorstand unterbricht den Schriftführer, um sich herzlich beim Ehrenmitglied Walter für die „Fraimousn“ zu bedanken, die an jedem Tisch stehen und darauf warten, angetrunken zu werden.

„Brosd Walder, auf dai Wohl!“

„Auf dai Wohl, Walder!“ brüllt`s aus dem Saal zurück.

Am Schlesiertisch schenkt der Spindler, den mein Freund Adolf „Fraimäuerer“ getauft hat, eine weitere Runde seines mitgebrachten Selbstgebrannten aus.

„Wars nedd scha die dridd?“

So langsam scheinen die Flüchtlinge anzufangen, sich mit den Einheimischen zu verbrüdern und stimmen mit einem kräftigen „prosit“ in den allgemeinen Chor ein.

Den Spitznamen „Fraimäuerer“ bekam der Spindler übrigens verpasst, weil er als Maurer beim örlichen Baugeschäft Pötsch arbeitet, am Wochenende aber regelmäßig das eine oder andere Mäuerchen in Schwarzarbeit hochzieht.

Nun erhält der Schriftführer wieder das Wort.

Vom letzten Jugendturnier auf der „Reuthwiese“ beginnt er zu berichten und man merkt ihm seine zunehmende Erregtheit an.

„Kail noch ämoll, dös wa ouä aa a Aufführung!“

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Torraumszene aus einem Fußballspiel auf der Reuthwiese.

(Die schlechte Bildqualität bitten wir zu entschuldigen, vermutlich ging es dem Fotografen auf dem Spielfeldzu fix!)

Karl bemüht sich nach besten Kräften um eine Formulierung in reinstem Hochdeutsch und liest mit lauter, aufgeregter Stimme vor:

„Quer über den Platz kam mitten während des Spiels eine weibliche Xanthippe gestürmt. `Sofort aufhören`und `Wo ist der Vorstand` brüllte sie. Dann bedrohte sie unseren Vorsitzenden mit einem armdicken Stock, den sie wohl aus dem angrenzenden Waldstück mitgebracht hatte. Nur dem beherzten Eingreifen einiger Betreuer war es zu verdanken, dass es nicht zu Handgreiflichkeiten kam. Für den Preis von zwei Zentner Heu ließ sich die Verpächterin schließlich umstimmen und zog triumphierend davon.“

„Jedz wäss ich aa, warüm die Gämeewiesn scha su ball im Joa gemahd warn is.“

„Liebe Midglieder, ihr saahd: Äs is ke Zuschdand mehr midn Schbordblatz auf dä Reudwiesn,“ resümiert der Vorstand.

„Dou hodd er Rachd. Mä is ja scha ganz kabudd van daarä Schläferai, wenn mä bai dä Wiesn aakümmd.“

Der Vorsitzende bedankt sich bei „unnern Karl“ für das hervorragende Protokoll und kommt dann zum eigentlichen Zweck der Versammlung.

„Die Vuäschdandschafd hod die Iniziadievn ergriffn un hod an Bauandraach fä an neun Schbordbladz bain Landradsamd aigäraichd.“

„Brammo!“ ertönt die Zustimmung aus der Mitgliederschar.

„Villn Dank an unnern Vereinswird, daa sai Grundschdügg hinder der Werdschafd zär Verfüchung schdelld.“

„Brammo!“ und „Auf n Wärd!“ ertönt es aus der Versammlung. Es folgt ein allgemeiner Umtrunk.

sportplatz-vision  Diese spätere Aufnahme war die Vision der Vorstände des TSV – aber zunächst standen da noch die gruaßn Erln

„Laider gibds dou ouer grössera Broblemä,“ ergreift Albin wieder das Wort.

„Ihr wissd ja, däss dä Bouch durch die Rouses-Wiesn gedd un edlicha gruäßa Erln draa schdenn. Un die, mä mouchs bal ned gäglääb – die schdenn undä Nadurschudz. Un – jedz kümmd s,“ der Vorstand macht es spannend, „un döswaacher hod die Nachbära unnern Bauandraach ned underschriem – un wos dä Gibfl is: Die hodd uns aa noch bain Landradsamd aagäzäächd!“

Die Empörung im Saal ist unbeschreiblich. Viele machen ihrem Unmut in deftigen, lautstarken Kommentaren Luft:

„Die ald Gragg!“

„Die soll dausn ihrn Waigardn blaib!“

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Das Haus der Neida im Waigardn – nicht ganz authentisch – Aufnahme neueren Datums

 

 

 

 

„Wos is wichdicher: A boar grübblicha Baamä odder a Schbordbladz?“

Es dauert etliche Minuten, bis sich der Saal wieder einigermaßen beruhigt hat. In dem Moment, als der Vorstand eine Carhance sieht, sich gegen den Lärm wieder stimmlich durchsetzen zu können, schießt der Adolf von seinem Sitzplatz in die Höhe.

„Ich glääb, dä Adolf hod die laudsd Schdimm im ganzn Durf.“

„Mir machn die Dinger üm! Wenn sa moll dard liechn, schdelld sa kenner mehr auf!“ brüllt er der Vorstandschaft auf der Bühne entgegen.

Nun beginnt der Saal endgültig zu kochen „Jawoll, ümgemachd warn sa!“

„Gemmä glaich nübä!“

Etliche springen ebenfalls von ihren Stühlen auf, alles brüllt wild durcheinander und es sieht fast so aus, als ob jeden Augenblick der ganze Saal hinaus rennt und die Erlen mit bloßen Händen umreißen möchte.

„Su vill Zuschdimmung hodd dä Adolf sai ganz Laam noch nedd grichd.“

Der Vorstand greift energisch zur Tischglocke. Trotzdem dauert es eine Weile, bis sich die Aufregung etwas gelegt hat.

Da meldet sich der Apotheker zu Wort, ein mickriges Männchen, der seine letzen Haare als Kranz um seine Glatze gewickelt hat, aber als einziger Krawattenträger aus der Menge heraussticht

„Daa dengd woll, aa is wos Bessersch!“.

„Liebe Sporfreunde,“ beginnt er zunächst etwas zaghaft, „wir können doch nicht einfach ohne Genehmigung …“

Der Rest geht im protestierenden Gebrüll der Menge unter.

„Vä wos brauch mä a Gänehmichung! Die warn ümgämachd!“

Der Apotheker hat die Stimmung im Saal eindeutig gegen sich. Als es etwas ruhiger geworden ist, setzt er aber doch noch einmal an.

„Su vill Kuraasch heid ich na gor ned zugedraud.“

„Vielleicht könnte man ja noch einmal mit dem Herrn Dr. Bötticher vom Landratsamt sprechen und zu einem Kompromiss …“

Aber es ist hoffnungslos. Wieder brüllt ihn die erboste Menge erbarmungslos nieder.

„Pfeuf auf an Kombromiss! Soll mä vällaichd die Wibfl ousaach un nouchä über die Schdarzl schbill?“ schreit ihn Adolf entgegen.

„Jedz hodd er Blud gelaggd un löffd zu Hochform auf! Ich kenn dach main Adolf!“

„Dou bräuchd mä baim Fraischduäs ke Mauer mehr zä machn!“ erhält er vom anderen Ende des Saals Unterstützung, was tosendes Gelächter auslöst.

Im Saal herrscht heilloses Durcheinander. Dem Vorsitzenden ist die Versammlungsführung völlig entglitten. Wieder und wieder versucht er mit Hilfe

seiner Tischglocke Ruhe zu schaffen, vergeblich. Schließlich weiß er sich nicht anders zu helfen:

„A halba Schdund Brunsbausn!“ schreit er ins Publikum und verlässt demonstrativ das Podest.

Es ist schon weit nach Mitternacht als ich mich auf den Heimweg mache. Der Schlesiertisch war da schon einige Stunden verwaist. Die Flasche mit dem „Schliwo“ Marke Spindlers Hausbrand war wohl leer und viel Geld für eine große Zeche haben die Flüchtlinge ja auch nicht. „Wie iich aa.“

„Wos is haid aichndlich raus kumma?“ frage ich mich und atme die laue Sommernachtsluft tief ein. Mit meinem etwas benebelten Kopf fällt mir dazu nicht viel ein. Nach langer, langer und sehr ausschweifender Diskussion wurde auf Vorschlag von Ehrenmitglied Walter beschlossen, dass die Vorstandschaft beauftragt wird, „alles Weitere in die Wege zu leiten“.

Der Antrag wurde einstimmig angenommen. „Zägoar dä Abodeiger war däfür,“ schmunzele ich in mich hinein.

Teil 3: Die Vorstandssitzung (nichtöffentlich)

… „Es wurde striktes Stillschweigen vereinbart,“ ist später im Protokoll zu lesen.

Mach mä mai Saach fai ned schdumpf!“ brummt Siegfried und reicht mir die Ziehsäge, die er gerade aus seinem Kuhstall geholt hat.

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Abbildung:

Für alle die nicht wissen was „a Ziesach“ (Ziehsäge) ist.

Sie wird von zwei Personen hin und her gezogen, damit wurde früher gesägt Holz , bzw. Bäume gefällt (wie hier in der Erzählung geschildert).

 

 

„Wos willsdn aichndlich dämid?“

„Mir wölln a boar Dörra raus mach.“

An seinem Gesichtsausdruck ist zu erkennen, dass er mir meine Antwort nicht so ganz abnimmt.

„Jedz, im Juli? Suwos machd mä dach im Windä!“

„Dou hod ä ja ned unrachd, dä Siechfried „ muss ich für mich zugeben.

„Dou semma ned däzu kumma,“ versuche ich ihm zu erklären.

Aber Siegfried bohrt weiter – „öb ä wos wäss? „

„Wos habd ä denn bschlossn, in eurer Vuäschdandssitzung?“ will er wissen.

„Dös däff ich dä ned souch, die Sidzung wa `nichtöffentlich`“

„Nu kumm fai, ich bin schliislich aa im Dei-Äs-Vau!“ Er lässt einfach nicht locker.

„Naa, gedd nedd, mir ham ölla gschwuän, neggs zä souchn.“ Ich stelle mich stur. Offensichtlich regt sich aber bei meinem Gesprächspartner seine Bauernschläue, denn er versucht es nun auf eine andere Art: „Weivill ward ä denn?“

„Elf, su vill kann ich dä värroud.“

„Ouä ihr said dach äächndlich zwölf im Vuaschdand?“

„Daa Kall gibd ke Ruh!“

„Dä Abodeiger hod wos annersch zä dun khoud,“ rutscht es mir heraus.

„Väfliggsd, hou ich dou jedz scha zä vill värroudn?“

Ich verabschiede mich schleunigst und mache mich mit der Ziehsäge unter dem Arm davon.

Eine (unberechtigte) Beschuldigung

Klingeling kelong –

„Ihr Väbrächer!“

Ich komme gar nicht dazu, „guddn Marchn“ zu wünschen.

„Ihr elendn Grübbl!“ Dunnäwadder, su hod mich scha lang kennä mehr aagschrien. „Aigschberrd khörd ar!“ brüllt mich mein Schwarm an.

„Au waia, mid darä hou ich`s väschissn,“ schießt es mir durch den Kopf und ich muss dabei wohl ein ziemlich betroffenes Gesicht machen.

„Wos hosd da …,“ stottere ich und versuche möglichst ahnungslos drein zu schauen.

„Dou! Gugg dä sa aa, die Sauerai!“

Das Mädchen, das eigentlich immer recht fröhlich daher kommt und fast jeden Scherz mit macht ist zweifellos maßlos empört. Mit hochrotem Gesicht schießt sie auf mich zu, packt mich heftig am Arm und zerrt mich zum Fenster. Draußen, unübersehbar, liegen sie da, die gefällten Erlen, kreuz und quer über dem Bach, die dicht belaubten Äste ineinander verkeilt.

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Laden der Neida in der Coburger Straße (heutiges Rathaus) im dem sich die beiden Personen treffen, unterhalten und Richtung Westen (Rose)  schauen.

„In Reih un Glied ham mä sa ja ned aa noch könn geleich, bai daarä Finsternis. A Wunnä,dess dou haid nachd nex bassierd is,“ schießt es mir durch den Kopf. Hilde gegenüber bemühe ich mich natürlich nach besten Kräften den Überraschten zu spielen:

„Dunnerwadder!“ staune ich ein wenig übertrieben und vermeide dabei tunlichst den

Blickkontakt „Wos is denn dou bassierd?“

Mein Gegenüber scheint mir meine Überraschung nicht abzunehmen. Wütend fuchtelt sie mir mit den Händen vor dem Gesicht herum, sodaß ich vorsichtshalber einen Schritt zurück weiche. Die werd mä dach amend ned noch eena schmier wölln?

„Schdell dich ned dümmer wie da bisd!“ faucht sie mich an.

Urplötzlich muss ich an die „Xanthippe“ denken, das Wort aus dem Protokoll, das im Saal für so große Heiterkeit gesorgt hatte. Zum Lachen ist mir allerdings im Moment ganz und gar nicht zu Mute.

Die Hilde sagt mir nämlich auf den Kopf zu:

„Ich wäss genau, däss du aa däbai warsd! Ouer ihr wadd scha sahn! Die Frau Hein hod haid früh bainah an Herzkaschber grichd, su hodd sa sich aufgereichd. Zwee Dassn van ihrn Baldriandei hou ich ärra müss mach. Nouchä hodd sa die Bolizai in Graaledz aagerufn. – Gall, dou glodzd da!“ plärrt sie mir triumphierend entgegen.

„Un dä Schandarm war scha dou,“ fährt sie gleich fort, „genau wie dä Dr. Bötticher.

So ählich muss man sich den damals eingesetzten „Schandarm“ (Polizisten) vorstellen.

Die für Grub zuständige Polizeidienststelle befand sich in Creidlitz.

 

 

`Diese Freveltat verlangt nach einer harten Strafe,`hod dä Ribbndrobb gsochd un dä Schandarm hod na Rachd gaam. Nouchn Frühschdügg sen sa zamm nauf dä Gemeeschdumm un wölln midn Bürchermäsder a Brodokoll aufnam, ham sa gsochd.“

Langsam wird mir etwas mulmig zu Mute.

„Ouer dä Bürchermesder is ja schließlich unnä Vüäschdand – daa werd die Sach scha reichln – odder nedd?“ versuche ich mich selbst zu beruhigen.

Hilde ist da offensichtlich anderer Ansicht, auch wenn ihr erster Zorn etwas abgeklungen zu sein scheint.

„Ihr wadd scha saan!“ droht sie. „Dä Frau Hein gedds goa nedd gud. Die hod sich zägoar hie müss leich. Un wenn sa euch noch waacher Körberverledzung un seelischer Grausamkaid aazäächd kummd ä nain Kiddchen. Su a boar Nachd im Knasd döidn dä goa ned schoudn!“

Klingeling kelong. Beim Hinausgehen kommt mir die Türglocke fast wie eine Schicksalsglocke vor.

Hodd mai ledzds Schdündla jedz gschlouchn?

Die „Schnaggn vam Saalesbegg“ schmeckt heute einfach nicht so recht.

Dä Begg muss haid aa an schlachdn Douch hou.

Teil 4: Das Tribunal

Kaum habe ich im Betrieb die Arbeit wieder begonnen, kommt auch schon die Sekretärin aus dem Chefbüro herbei geeilt.

“ Du sollsd glaich mol nauf dä Gämeeschdumm, die Bolizai will wos van dä!“

„Schrai dach noch lauder, dess`s jaa ölla hörn, du dumma Kuh!“ möchte ich sie am liebsten anfauchen und das Blut steigt mir in den Kopf, als ich bemerke, dass mich die Arbeitskollegen ringsum anstarren. Einige fangen unverschämt an zu feixen.

„Öb die woll ölla scha Bschaid wissn?“

„Du wässd van nex un heldsd dai Maul!“ schärft mir der Bürgermeister ein. Er empfängt mich auf der obersten Treppenstufe vom „Milichhäusla“, in dem die „Gämeeschdumm“ untergebracht ist.

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Damaliges Rathaus, die „Gämeeschdumm“ in der Rohrbacher Straße im Erdgeschoss war die Milchannahmestelle das „Milichhäusla“

„Noch ham sa nex raus grichd,“ flüstert er mir verschwörerisch zu „die wissn nedd, waas wa, s´hamm ölla dichd khaldn.“

Dann fügt er noch eine ernste Mahnung hinzu: „Ouä namm die Sach ernsd! Machs jaa ned wie dä Adolf, daa Debb. Sochd daa dach zu dan Schandarm, aa wenn ä däbai gewasn waa, heid ä nedd könn gsah, waa am annern End van dä Ziehsaach gschdanna hodd, walls gesdern nachd su schduägfinsder war. Ich hou zä dunn khoud, däss sich dös Rindvieh nedd noch merra verbabbld.“

Am großen Ratstisch im Sitzungszimmer sitzt der Gendarm in seiner grünen Uniform. Die Schirmmütze hat er vor seinem Protokollblock abgelegt. Neben ihm macht „dä Ribbndrobb“ ein äußerst gestrenges Gesicht. Kerzengerade und dürr wie eine Bohnenstange sitzt er da.

„Geichern Grüühous hou ich dach scha Fußball gschbilld,“ fällt mir ein, „daa schbilld bai die Graaledzer.“

„Grüühous“, das ist der Spitzname des Polizisten, der die Vernehmung leitet. Er verdankt ihn eierseits natürlich seiner grünen Uniform, zu allem Überfluss heißt er aber auch noch mit Nachnamen Haaß. Mein Selbstvertrauen, das bei meinem Eintritt so ziemlich in meinen Kniekehlen hing, steigt beim Anblick des bekannten Gesichts merklich an. Zum Glück! Denn „dä Grüühous“ versucht es offenbar gleich auf die harte Tour.

Ohne meinen Gruß zu erwidern schnauzt er mich an:

„Am besten, du gibst gleich zu, dass du auch dabei warst, da ersparn wir uns ne Menge Arbeit!“

„Wos is denn nai dan gfoahrn?“ denke ich mir verblüfft, „ken `guten Morgen`, ned `nu, wie geds` obwohl miä uns dach vam Fussball haa kenna. Dan muss dä Ribbndrobb aufghedzd hou odder ar will sich vuän `Herrn Dogdä`gruäß du.“

Wie vom Bürgermeister empfohlen, stelle ich mich dumm:

„Däbai? Bai wos däbai?“ frage ich und versuche dabei mein unschuldigstes Gesicht aufzusetzen.

Da schaltet sich Dr. Bötticher mit wichtigtuerischer Stimme ein:

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So könnte es nach der frevelhaften Fällung der Erlen ausgesehen haben – natürlich ohne Zuschauer und Fußballszene auf dem später gebauten Sportplatz.

„Bei der widerrechtlichen und frevelhaften Fällung der acht mächtigen Erlen am Bach!“

„Wella Erln?“ spiele ich weiter den Unschuldigen.

Das Gesich vom „Grüühous“ verrät, dass er schon reichlich genervt ist.

„Du wirst mir wahrscheinlich gleich erzählen, dass du gestern bis spät in die Nacht beim Rose zum Kartenspielen warst, genau wie die acht andern Verdächtigen vor dir.“

War dös jedz a Wink mid n Zaunpfahl?

„Genau su warsch, Herr Schandarm!“ entgegne ich treuherzig und das war ja auch fast nicht gelogen.

 

 

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Die damalige Fußballmannschaft, sicherlich sind einige „Täter“ unter den Abgebildeten!

„Und später sind Sie mit ihren Komplizen zum Bachufer geeilt und haben die Säge an die armen Bäume angelegt!“ ereifert sich der „Ribbndrobb“ und sticht mit seinem dürren Finger drohend in die Luft.

„Naanaa, Herr Dogdä, ich hou ja schließlich haid früh müss arbed, dou brauch ich main Schlouf.“

Dou hou ich widdä ke Lüüch gsochd, ich hou haid früh bainah nedd aus die Aachn khönn geglodz.

„Du hast also geschlafen,“ stellt der Gendarm fest was ich mit einem heftigen Kopfnicken bestätige.

Ich muss ja nedd souch, dess`s bluäs a knabba Schdund war.

„Dös deggd sich ja gänau mid dä Aussouch van die annern, döid ich souchn,“ mischt sich da der Bürgermeister ein, der von der Zuhörerbank aus das Verhör verfolgt hatte.

Der Zwischenruf bringt ihm einen tadelnden Blick von Dr. Böttcher ein, der sich dann dem Polizisten zuwendet und leise auf ihn einredet. Ihm ist deutlich anzusehen, dass er mit dem Verlauf der Vernehmung überhaupt nicht zufrieden ist.

Der „Grüühous“ lässt den Redeschwall einige Zeit über sich ergehen und kritzelt dabei etwas auf sein Protokollblatt. Schließlich zuckt er mit den Schultern und brummelt halblaut etwas vor sich hin.

„Was soll ich machen?“ oder so ähnlich muss er wohl geheißen haben.

Schließlich wendet er sich konzentriert seinen Notizen zu. Dabei lässt er sich demonstrativ äußerst viel Zeit und wirft mir mehrmals strenge Blicke zu.

„Daa will mä woll Angst mach?“

Da keiner ein Wort sagt, wird die Athmosphäre zunehmend angespannter. Mir wird nun doch etwas mulmig zu Mute und ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Meine Hände kommen mir im Moment auch irgendwie überflüssig vor. Möglichst unauffällig wische ich mir den Schweiß an den Hosenbeinen ab.

Schließlich reißt der „Schandi“ den Zettel aus seinem Protokollblock, schiebt ihn zu mir herüber und legt einen Stift darauf.

„Unterschreib,“ weist er mich mit einem leichten Seufzer an und ich beeile mich, seiner Aufforderung zu folgen.

„Du hörst wieder von mir!“ fügt er schließlich hinzu, und bemüht sich offensichtlich, eine leise Drohung mitschwingen zu lassen.

Mit einem gestrengen Blick, der wohl so viel heißen soll wie „Ich hab dich durchschaut, Bürschchen!“ verabschiedet er mich und wendet sich dem

„Ribbndrobb“ zu.

Von seinem Besucherbänkchen aus zwinkert mir der Bürgermeister verschwörerisch zu, als ich an ihm vorbei zur Tür gehe.

Dös waa scheinds noch mol gud ganga.

Ende der Episode 4, letzter Teil (5), „Die erweiterte Vorstandssitzung“ folgt in zwei Wochen (21.12.2016).

Teil 1, 2 oder 3 verpasst?!

Alle fünf Folgen des „Dadord Ääla“ folgen im 2-Wochen-Rhythmus jeweils am Mittwoch!